Evidenz oder Eminenz?

Diese Frage beschäftigt sich mit einem Augenzwinkern damit, was wir im Alltag in Bezug auf Gesundheitsfragen häufig erleben. Ärzte sollen nach wissenschaftlicher Evidenz beraten, sehen sich aber vielleicht mit der unumstößlichen Meinung einer einzelnen Person konfrontiert. Eben der „Eminenz“. Eminenzen finden wir vor allem unter Ärzten. Das betrifft übrigens Hausärzte genauso, wie Universitätsprofessoren. Und ich wage zu behaupten, dass schon jeder Arzt irgendwann einmal in die „Eminenzfalle“ getappt ist. Es finden sich aber durchaus auch Eminenzen unter Verwandten und Bekannten!

Wir Menschen lieben es, wenn uns Bedeutung zugemessen wird. Und wir lieben es, über andere zu reden. Es gibt wohl kaum einen Bereich, in dem sich diese beiden Sachverhalte so gut verbinden lassen, wie in der Beratung zu Gesundheitsfragen. Bedeutung erlange ich, indem ich jemanden in einer gesundheitlichen Flaute helfen kann. Und über andere reden kann ich durch das Bemühen von gesundheitlichen Fallbeispielen. Denn jeder kennt jemanden, der mal krank war. Und bei dem eine ganz spezielle Therapie zu einer Heilung führte. Gute Ratschläge kann man zu vielen Lebensbereichen geben. Aber sie sind wohl in kaum einem Bereich so verbreitet, wie in Gesundheitsfragen. Und so landen Ratschläge mittelbar natürlich auch als „eminente“ Beispiele und den damit verbundenen Fragen in der Arztpraxis.

Ja, es ist wahr: Ärzte verhalten sich mitunter arrogant, wenn sie gegen diese „Fallbeispiele“ argumentieren müssen. Es mag vielleicht eher die Furcht sein, nicht gegen die Bildhaftigkeit des Fallbeispiels anzukommen, die Ärzte in Arroganz verfallen lässt. So ist das nun mal: was wir fürchten, knurren wir an!

Aber wo liegt das Problem? Wenn es in der Sache hilft, hat doch ein gutes Beispiel noch niemandem geschadet, oder?

Nein, auf keinen Fall! Wir brauchen Beispiele um Sachverhalte „greifen“ zu können. Und jeder Arzt sollte die Fähigkeit haben, anhand Ihres Beispiels den Sachverhalt darzustellen. Warum das Beispiel treffend ist, oder eben nicht. Das Beispiel darf aber nicht zum „eminenten“ Beweis für den Zweck und Nutzen einer Maßnahme werden.

Also: wenn Sie meinen, bei Ihrem Arzt ein verstecktes Augenrollen zu sehen, nachdem Sie ein Fallbeispiel aus Ihrem Bekanntenkreis geschildert haben: seien Sie bitte nicht beleidigt! Im Gegenteil, seien Sie dankbar! Zum einen heißt es, dass Ihr Arzt Sie nicht nach einem „Schema F“ behandeln möchte. Auch wenn die Methode in der weiteren Verwandtschaft oder Bekanntschaft geholfen hat. Nein, er sieht Sie als Individuum mit individuellen Bedürfnissen! Zum anderen scheint er sich Gedanken über wissenschaftliches Herangehen an seinen Beruf zu machen! Denn medizinische Maßnahmen werden nicht danach bemessen, wie sie bei Herrn Schmidt oder Frau Müller gewirkt haben. Nein, sie werden danach bemessen, wie sie (am besten) in einer prospektiven, randomisierten, placebo-kontrollierten Doppelblindstudie gewirkt haben. Ja, hinter diesem sperrigen Begriff verbirgt sich nicht weniger als der „Rolls-Royce“ der medizinischen Forschung. „Doppelblind“ heißt dabei nicht, dass alle blind darauf vertrauen, dass die Therapie schon wirken wird.

Hier einmal der Versuch einer Erklärung dieser wissenschaftlichen Herangehensweise.

Ausgangspunkt: Es gibt zwei Versuchsgruppen

Placebo-kontrolliert:

Gruppe A bekommt den Wirkstoff/die richtige Therapie („Verum“)

Gruppe B bekommt eine Therapie ohne Wirkstoff („Placebo“)

Randomisiert:

Die Zuordnung zu den Gruppen erfolgt nach dem Zufallsprinzip

Doppelblind:

Weder der Versuchsteilnehmer, noch der Durchführende wissen, ob der Teilnehmer nun Placebo oder Verum bekommt. Die „Entblindung“ erfolgt hinterher.

Der letzte Punkt dient übrigens der Vermeidung einer Verzerrung eines Versuchsergebnisses durch Erwartungshaltungen und unbewusste Beeinflussungen in der Wahrnehmung. Deshalb gibt man ja auch in der „Kontrollgruppe“ ein Placebo, weil ich eben das Ausmaß und die Beeinflussung des Placebo-Effektes in der Verum-Gruppe noch „abziehen“ muss, um die wirkliche Wirkung statistisch berechnen zu können.

Hieraus leitet sich auch der viel bemühte Satz ab, dass „eine Substanz nicht über Placebo hinaus wirkt“. Denn, das wissen heutzutage die meisten Menschen: auch ein Placebo zeigt eine Wirkung!

 

Am Ende ist aber wichtig zu erwähnen: Sie sind natürlich ein Patient und kein Studienobjekt. Jedes ärztliche Vorgehen soll abgestimmt sein und individuelle Voraussetzungen, Gegebenheiten und Wünsche mit einbeziehen.